ÄGYPTEN 1

"Der Weg ist das Ziel"

Montag, 30.11.2015
So fühlt sich also ein Sabbatjahr an. Ich bin definitiv angekommen. Alle Muskeln schmerzen. Ich erinnere mich sofort an die Worte meines Surflehrers Ahmed: "You don' t have Muscles! You need more technique!
Den dritten Tag bin ich bereits in Dahab, Süd-Sinai, auf dem Wasser. Meine Surftechniken verbessern ist mein Ziel. Überhaupt will ich hier vorwiegend Sport treiben, die Seele baumeln lassen und langsam in meine Auszeit rein kommen.
Zugegeben, die Muskeln schmerzen nicht nur wegen dem mehrstündigen Surfen. Joggen war ich auch noch. Ich bin in die untergehende Sonne gelaufen, gerade als die Sonne hinter den Sinai Bergen verschwand. Begleitet vom Muezzin, der zum Gebet rief. Eine traumhafte Kulisse, zumal ich ständig einen Blick auf Saudi Arabien hatte, das auf der anderen Seite der Wasserstraße gelegen ist.
Zufällig bin ich auf Ahmed getroffen, der Feierabend hatte. Er kam mir mit seinem Motorrad entgegen gefahren und schaute ziemlich verwundert, als er mich erblickte. Er hielt kurz an, um mich auf eine Übung des Militärs hinzuweisen. Ich solle nicht erschrecken, wenn ich hinter der Moschee gepanzerte Wagen sehe. Es sei alles in Ordnung.
In Dahab geht es zur Zeit sehr ruhig zu. Seit dem Absturz der russischen Maschine bleiben die Urlauber aus. Vor allem die Russen. Das spürt hier jeder. Aber die Ägypter sind zuversichtlich, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, Inshaallah.
Ich fühle mich hier sicher. Ich kenne Dahab schon seit geraumer Zeit. Ich bin bereits das dritte Mal hier. Einst ein Hippie Dorf, heute eine kleine Stadt mit Promenade, Shops und Restaurants. Es fehlt an nichts. Auch nicht an komfortablen Hotels, wo ich heute auf Peter traf, einen Schweizer Banker im Ruhestand. Wir tranken zwischen unseren Übungseinheiten ein Espresso zusammen. Er kommt schon seit Jahren hierher. Wir waren uns einig, dass zur Zeit wohl die beste Zeit ist, Ägypten zu bereisen.
Gerade bringt mir der Kellner mein Thai Red Curry, sozusagen als Vorgeschmack auf mein nächstes Reiseziel Thailand. In Bangkok will ich Weihnachten verbringen. Bis dorthin stehen aber noch viele Übungen an. Ahmed will mir jeden Tag was neues beibringen. Soweit sein Versprechen.
Ob ihm das gelingt? Er hat wohl seine mahnenden Worte vergessen. No muscles! More technique!
Dienstag, 08.12.2015
Windsurfen bestimmt immer noch meinen Alltag. Jeden Morgen genieße ich meinen Spaziergang am Meer zur Surferbasis. Schon früh weht auf dem Golf von Aquaba ein frischer Wind vom saudischen Festland zur ägyptischen Küste. Ein perfekter Windsurfer Tag bahnt sich an.
Windsurfer sind schon coole Typen. Da ist zum einen Kees, ein 60jähriger Londoner, der hier den gesamten europäischen Winter verbringt. Er trägt Glatze und gilt als der beste DJ Dahabs. Ohne chillige Musik geht bei ihm gar nichts. Wir alle profitieren von seiner guten Musikauswahl. Ahmed und Kamal, genannt Pascha, der andere ägyptische Surflehrer, spielen Backgammon und trinken dazu Tee mit je vier gehäuften Löffeln Zucker. Ahmed weiß schon, das ich höchstens einen Löffel nehme. Dann sind da noch zwei Russinnen, ich bezeichne sie mal als russische Kampfsurferinnen. Beide heißen Swetlana. Eine will nur Swetla genannt werden. Nach dem Alter habe ich sie noch nicht gefragt. Um es an ihren Krampfadern fest zu machen, könnte Swetla 60 oder Mitte Ende 50 sein. Hübsch sind sie beide, wie eigentlich fast jede Russin. Swetlana, ebenfalls blond, klebt sich in einem festen Morgenritual Hände und Füße mit Silberband ab. Hätte ich mit meinen Händen auch mal machen sollen. Beide sind lädiert. 
Sobald die Windfinder App das Go gibt, geht's aufs Wasser. Jeder hat sein Revier, je nach Können. Rein gefahren wird, wenn die Blase drückt oder die Kraft ausgegangen ist. Ich bin oft als Erster drin. Aus beiden Gründen. Dann wird relaxt, gesonnt, gechillt, Billard oder Backgammon gespielt. Irgendwann geht's dann schon bei warmem Nachmittagslicht aufs Wasser. Solange bis einem kalt wird. Dann heißt es Essen fassen. Und Surfer essen so einiges. Ich sitze meist beim "King of Orientel", ich liebe die einheimische Küche. Falafel ist die Grundzutat. Dazu gibt es Allerlei. Die Auswahl ist groß. 
Bislang habe ich es noch nicht geschafft mit Swetla oder Kees einen Absacker trinken zu gehen. So zerknittert wie Swetla morgens aussieht, schiebe ich das wohl noch hinaus. Könnte bei Kees mit Sakara Bier beginnen und bei Swetla mit Wodka enden.
Mittwoch, 16.12.2015
Der Winter hat Einzug genommen. Die Temperaturen bewegen sich mittlerweile unter 25 Grad. Bei starkem Wind sind das gefühlte 15 Grad. Heute war es jedoch windstill. Surfpause. Ich sitze beim Fruchtsafthändler meines Vertrauens, der mir schon wie selbstverständlich mein Glas mit der Granatapfelfrucht bringt. Ich bin mittlerweile schon Stammkunde, sodass ich danach immer noch kostenlos ein Glas Zuckerrohrsaft erhalte.
Den Tag habe ich in der Lagune am Riff verbracht. Gelesen, geschnorchelt, relaxt und neue Pläne geschmiedet. Am Nachmittag war Ebbe, sodass einige Einheimische die Gelegenheit nutzten, Fische im Flachwasser zu fangen. So auch Aron, ein junger Ägypter, keine 40 Kilo schwer, der mit seiner Harpune unterwegs war. Illegal, denn mit Harpune fischen ist verboten. So aber fange er innerhalb zwei Stunden 3kg Fisch, den er Privatleuten oder an Restaurants verkaufe. 
Kurze Zeit danach sprach mich Mohammed an, ein Taxifahrer aus Taba, Richtung jordanische Grenze. Er sei am Morgen mit Kunden angereist, habe jedoch keine Gäste um die Rückreise anzutreten. Die brauche er jedoch, sonst habe sich die Fahrt nicht gelohnt. Er müsse immer Bakschisch für die vielen Polizeikontrollen einrechnen, das raube ihm manchmal den ganzen Verdienst. Er wirkte müde und frustriert. Ob ich denn wisse, wann die Flugzeuge wieder Richtung Sinai fliegen, war seine vordringlichste Frage. Sein Englisch war nur mäßig, aber es reichte um uns ein wenig zu verständigen. Auf seine Frage, wann und wohin ich denn fliege, konnte ich ihm beantworten, denn diese Entscheidung hatte ich kurz zuvor getroffen. Thailand war gestrichen.
Ich werde Weihnachten und Silvester in Vietnam verbringen. Dank Air Asia hält sich der kurzfristige Entschluss flugpreislich in Grenzen. Ich freue mich auf eine Luftveränderung. Im Süden Vietnams sind es bereits mehr als 30 Grad, eine Aufwärmung wird meinem Körper gut tun. Ich kenne Vietnam bereits, allerdings aus dem Jahr 1997. Seitdem hat sich viel getan. Viele positive Berichte und ansprechende Fotos haben mich zu diesem Entschluss kommen lassen. Zudem leben viele Christen in Vietnam, von denen ich mir schon ein wenig Weihnachtsstimmung verspreche. 
Diese kurzfristigen Entscheidungen treffen zu können, ist genau das, was ich als Individualtourist so liebe. Das tun zu können, auf was ich gerade Lust habe. So sollte auch mein gesamtes Sabbatjahr verlaufen. Morgen bin ich schon 3 Wochen unterwegs und die Zeit rast jetzt schon. Nur noch etwas mehr als 14 Monate. Aber die Weichen für ein Highlight meiner Reise sind gestellt. Einem Surftag in der Lagune auf Bora Bora dürfte nichts mehr entgegen stehen, Inshaallah.

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